OEKO-TEX und GOTS: Textilzertifikate beim Import einordnen
Warum „wir sind OEKO-TEX“ noch keine Aussage ist: Was STANDARD 100 und GOTS jeweils abdecken, wo ihre Grenzen liegen und welche gesetzlichen Pflichten daneben bestehen bleiben.
Kunden fragen uns oft, ob ein Hersteller „OEKO-TEX-zertifiziert“ sei. Als alleinige Angabe sagt das wenig. Es gibt mehrere OEKO-TEX-Standards mit unterschiedlichem Zweck. GOTS prüft etwas völlig anderes. Und kein Zertifikat ersetzt die gesetzlichen Anforderungen an ein Textilprodukt. Dieser Beitrag trennt die beiden verbreitetsten Zertifikate voneinander und von der Rechtslage. Er ist eine Übersicht, keine Einzelfallberatung.
OEKO-TEX STANDARD 100: Schadstoffe im fertigen Artikel
STANDARD 100 by OEKO-TEX ist eine produktbezogene Schadstoffprüfung. Geprüft wird jeder Bestandteil eines Artikels, vom Oberstoff über Nähgarn und Knöpfe bis zum Druck, gegen einen Kriterienkatalog mit über 1.000 regulierten und noch nicht regulierten Substanzen. Ein Teil der Grenzwerte liegt strenger als die geltende Gesetzgebung.
Die Grenzwerte sind nach Hautkontakt in vier Produktklassen gestaffelt. Klasse I gilt für Artikel für Babys und Kleinkinder bis drei Jahre und hat die strengsten Werte, Klasse II für hautnah getragene Textilien wie Unterwäsche und Shirts, Klasse III für Oberbekleidung mit wenig Hautkontakt, Klasse IV für Ausstattungsmaterial. Ein Zertifikat nennt immer die Klasse, für die es gilt. Es ist zwölf Monate gültig und muss danach erneuert werden.
Was STANDARD 100 nicht aussagt: nichts über den Bio-Anteil der Fasern und nichts über die Arbeitsbedingungen im Werk. Auch Haltbarkeit und Passform sind nicht Gegenstand der Prüfung. Dafür gibt es andere OEKO-TEX-Module wie STeP für Produktionsstätten oder ganz andere Prüfungen.
GOTS: Bio-Fasern plus Umwelt- und Sozialkriterien
Der Global Organic Textile Standard, verwaltet von der Global Standard gGmbH, setzt an den Fasern an und zieht sich durch die gesamte Verarbeitungskette. Für das Labelniveau „made with organic materials“ müssen mindestens 70 Prozent der Fasern aus zertifiziert biologischem Anbau stammen, für „organic“ mindestens 95 Prozent. Der Rest unterliegt festen Regeln, etwa für recycelte Synthetik.
GOTS umfasst neben den Fasern Vorgaben zu Chemikalieneinsatz, Abwasser und Arbeitsbedingungen entlang der Kette. Damit ein fertiges Kleidungsstück das GOTS-Label tragen darf, müssen alle Verarbeitungsstufen zertifiziert sein, nicht nur der Näher. Für reine Synthetikartikel ist der Standard kaum relevant, weil es dort keine Bio-Naturfaser gibt.
Was kein Zertifikat ersetzt
OEKO-TEX und GOTS sind freiwillig. Die gesetzlichen Pflichten bestehen unabhängig davon. Die Faserzusammensetzung muss nach der Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 korrekt bezeichnet und für Verbraucher sichtbar sein. Die allgemeine Produktsicherheit richtet sich nach der Verordnung (EU) 2023/988. Chemische Grenzwerte ergeben sich aus REACH. Ein Schadstoffzertifikat kann diese Bewertungen stützen, aber nicht ersetzen, und ein GOTS-Zertifikat sagt nichts über die Richtigkeit des Pflegeetiketts.
Zertifikate richtig anfragen und prüfen
Eine belastbare Angabe besteht aus Standard, Zertifikatsnummer, ausstellendem Institut, Gültigkeitsdatum und Geltungsbereich. Der Geltungsbereich ist entscheidend: Ein Zertifikat kann für einen bestimmten Stoff eines Zulieferers gelten, aber nicht für den fertigen Artikel in Ihrer Bestellung. OEKO-TEX- und GOTS-Zertifikate lassen sich in den öffentlichen Datenbanken der jeweiligen Organisation nachschlagen. Bei GOTS gehört zusätzlich der Transaktionsnachweis für die konkrete Lieferung dazu.
Nicht ausreichend ist die pauschale Aussage „unsere Fabrik ist zertifiziert“. Prüfen Sie, ob die Nummer existiert, gültig ist und den Artikel abdeckt, den Sie kaufen.
Ab September 2026: strengere Regeln für Werbeaussagen
Die Richtlinie (EU) 2024/825 zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel gilt in den Mitgliedstaaten ab dem 27. September 2026. Generische Umweltaussagen wie „nachhaltig“ oder „umweltfreundlich“ ohne anerkannten Nachweis werden unzulässig, und Nachhaltigkeitssiegel dürfen nur verwendet werden, wenn eine unabhängige Stelle ihre Einhaltung überprüft. Ein gültiges, korrekt zugeordnetes Zertifikat wird damit wichtiger, eine unbelegte „grüne“ Produktbeschreibung riskanter.
Was das für Importeure bedeutet
Wenn ein Zertifikat für Ihr Produkt eine Rolle spielt, gehört es früh in die Spezifikation: welcher Standard, welche Produktklasse oder welches Labelniveau, für welches Material. Bei DS Trading fragen wir Zertifikate mit Nummer und Geltungsbereich ab, gleichen sie mit der öffentlichen Datenbank ab und ordnen sie dem freigegebenen Tech Pack und Muster zu. Die Qualitätskontrolle prüft anschließend, ob das vereinbarte Etikett vorhanden und lesbar ist. Ob die deklarierte Zusammensetzung materiell stimmt, klärt im Zweifel eine Laboranalyse. Für ein konkretes Produkt senden Sie uns Artikel, Zielgruppe und gewünschten Standard über die Kontaktseite.
Häufige Fragen
Ist OEKO-TEX in der EU Pflicht?
Nein. OEKO-TEX und GOTS sind freiwillige Zertifikate. Verpflichtend sind die Textilkennzeichnung nach Verordnung (EU) Nr. 1007/2011, die Produktsicherheit nach Verordnung (EU) 2023/988 und die Chemikalienvorgaben nach REACH.
Worin unterscheiden sich OEKO-TEX STANDARD 100 und GOTS?
STANDARD 100 prüft das fertige Produkt auf Schadstoffe. GOTS prüft den Anteil zertifizierter Bio-Fasern plus Umwelt- und Sozialkriterien über die gesamte Verarbeitungskette.
Reicht die Aussage des Herstellers, er sei zertifiziert?
Nein. Verlangen Sie Standard, Zertifikatsnummer, Aussteller, Gültigkeit und Geltungsbereich und prüfen Sie die Nummer in der öffentlichen Datenbank der Organisation.
Quellen
- OEKO-TEX® STANDARD 100OEKO-TEX Association · abgerufen 03.09.2026 · Zugriff 03.09.2026
- Label GradesGlobal Standard gGmbH (GOTS) · abgerufen 03.09.2026 · Zugriff 03.09.2026
- Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 über Textilfaserbezeichnungen und KennzeichnungEuropäische Union · konsolidierte Fassung · Zugriff 03.09.2026
- Richtlinie (EU) 2024/825 (Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel)Europäische Union · 28.02.2024 · Zugriff 03.09.2026
- Verordnung (EU) 2023/988 über die allgemeine ProduktsicherheitEuropäische Union · 10.05.2023 · Zugriff 03.09.2026
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